Dürüm über dem Inn

Ich habe es mir gerichtet, wie in Wien sagen würdenSelbstporträt mit Dürüm. Ich fahre durch die Alpen, spiele Kasperltheater oder präsentiere mich als Autor. Ich genieße die schönen Landschaften und esse nach getaner Arbeit Regionales.

Dieser Tage kam ich nach Schwaz. Eine Klasse Fünfzehnjähriger wollte wissen, wie man einen Krimi schreibt, und da kenne ich mich ja inzwischen aus. Am Abend vorher lese ich Internet, dass in einer interkulturell engagierten UNESCO-Projektschule im Westen Deutschlands rituelle Waschungen auf dem Klo und  provozierendes Beten verboten wurden. „Zu spät“ denke ich mir. Fortschritt á la Kraft durch Dummheit halten weder Ochs noch Esel auf. Aber mich berührt das nicht. Die Alpen sind ein Inbegriff der Rückständigkeit. Hier ist Interkulturalität á la Merkel und Kraft kein Thema.

Das österreichische Bildungssystem gibt den Jungen Menschen nach acht Pflichtschuljahren die Möglichkeit, zwischen einer Reihe berufsorientierter höherer Schulen und dem Gymnasium zu wählen. Das ist ist für die Schüler(innen) angenehm und für die Gesellschaft effizient. Jugendarbeitslosigkeit und -kriminalität sind zumindest im Westen Österreichs kein Thema. Und hätte nicht eine Ministerin, die weder Kinder noch Lehrerfahrung hatte, am System der Pflichtschulen herumgespielt, wäre das österreichische Bildungssystem ein gänzlich wunderbares.

Als ich morgens das Foyer der Schwazer Handelsakademie betrete, bin ich dann einigermaßen überrascht. Die Schülerschaft ist gut gemischt. Männlich und weiblich germanisch und südlich etwa zur jeweiligen Hälfte vertreten. Aber, das fällt dem gewesenen Berliner sofort auf, die Atmosphäre ist locker, entspannt, frei von jeglicher Aggressivität. Ich sehe einige bunte Kopftücher über lachenden Mädchengesichtern. Die Deutschlehrerin holt mich im Foyer ab, bereitet mir im Lehrerzimmer einen Kaffee, und obwohl ich spät dran bin, hat sie es nicht eilig, mit mir in die Klasse zu gehen. Kurz aber gelassen besprechen wir die kommenden zwei Unterrichtsstunden und erscheinen drei oder fünf Minuten nach dem Klingeln im Unterrichtsraum. Dort haben sie in Ruhe auf uns gewartet. Zu meiner Überraschung erheben sich die Schülerinnen und Schüler zur Begrüßung. Gelassen aber nicht gleichgültig. Man erhebt sich eben, wenn die Lehrerin die Klasse betritt und der Unterricht beginnt. Zu Hause werde ich meinen Sohn, der am östlichen Ende Tirols das Gymnasium besucht, fragen, ob das an seiner Schule auch so Usus ist, und sein „natürlich“ wird klingen, als hätte ich gefragt, ob er heute schon ein Pokemon gefangen hat. Vor vielen Jahren hatte mich eine Randberliner Lehrerin, die mir aus der Zeit meiner eigenen Lehrerausbildung als resolut und engagiert in Erinnerung war, zu einem vergleichbaren Workshop eingeladen. Als wir damals die Klasse betraten, sah kein einziger Schüler von seinem Handy auf und der Rest der Veranstaltung verlief entsprechend. Anders in Schwaz. Man sieht nun mal, an Haaren, Augen oder Teint, wenn die Vorfahren von Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt stammen. Aber daraus Rückschlüsse auf Sprachbeherrschung, Kenntnisse oder Interesse am Unterricht zu ziehen, wäre hier absurd. Ein angenehmer Vormittag vergeht mit Sokrates und Sherlock Holmes wie im Fluge.

Bevor ich nach Hause fahre, will ich noch die Stadt genießen. Die größte gotische Hallenkirche Tirols. Zweischiffig. Im Hof zwei Kreuzgänge. Die alte Silberstadt ist einen Besuch wert. Die schöne Altstadt wehrt sich verzweifelt gegen das nahe Einkaufszentrum.  Ich esse wie gesagt gern regional und so steht mir in Schwaz der Sinn nach Döner. Am Ende der Altstadt findet sich ein passendes Geschäft. Während der Inhaber den sehr guten Dürüm bereitet, kommt eine junge Frau in den Laden. Geschminkt, die eigentlich schwarzen Haare ins bronzene getönt. Kein Kopftuch. Vielleicht die Schwester, die Freundin, die Ehefrau. Wer weiß. Sie macht sich einen Kaffee und spricht auf türkisch mit dem Mann. Ich lasse einpacken. Der Mann fragt mich, ob ich einen Plastebeutel  brauche. Diese Dinger werden in Österreich Sackl genannt. Die Tiroler sprechen das ck dabei mit einem ch hinten dran. Und so sagt der Mann, der eben noch mit der Frau türkisch sprach: „Brauchscht a Sackchl?“ Das hat er wohl kaum im Integrationskurs gelernt.

So kann Integration gelingen, sagen sie im deutschen Fernsehen, wenn Mesut Özil ein Tor geschossen hat, oder wenn evangelische Kirchenvereinsfrauen Kopftücher für Migrantinnen nähen. Integration ist ein furchtbares Wort. Wann ist der Mann im Dönerladen integriert? Wenn er mit seiner Frau deutsch redet? Wenn diese zu Hause Kartoffelsuppe kocht? Gleich nach „Integration“ kommt für mich das Unwort „Migrationshintergrund“. Menschen mit Migrationshintergrund gibt es in Wien und Berlin. In der Handelsakademie von Schwaz haben manche Schüler schwarze und manche blonde Haare. Manche reden zu Hause mit ihren Eltern türkisch, manche deutsch. In Berlin stehen sie in der Schule natürlich nicht auf, wenn der Lehrer in die Klasse kommt. Das wäre ja faschistisch. In der Weltstadt Wien haben sie im vorigen Frühsommer wochenlang gegen die schweren Aufgaben vom Mathe-Abitur demonstriert. Im rückständigen Schwaz haben sie vormittags die Aufgaben gelöst und sind nachmittags ins Schwimmbad gegangen. In Berlin ist das mit dem Schwimmbad inzwischen so eine Sache.

Sankt Nepomuk der Brückenheilige schaut mir über die Schulter, als ich vom Fön umweht meinen Dürüm genieße. Über dem Inn.

Die Wahrheit ist hässlich

Eines der beknackteren Kinderlieder fordert einen Fuchs unter Androhung der Exekution auf, eine gestohlene Gans zurück zu geben. Wer, um alles in der Welt, will einen eventuell tollwutverseuchten Vogelkadaver wirklich zurück haben, und wie soll der Fuchs die Aufforderung überhaupt verstehen?

Eine große Kärntner Dichterin behauptete einst, die Wahrheit sei dem Menschen zumutbar. Der deutsche Innenminister sah das nach einem gecancelten Länderspiel anders und gab damit offenbar einen neuen Trend vor.

Unsere Vorfahren hielten Gänse, damit sie an Feiertagen etwas ordentliches zu Essen hatten. Die Gänse liefen draußen herum. Das war einerseits artgerecht und sparte andererseits Futter. Natürlich kam diese oder jene Gans vorzeitig abhanden. Dann griff der Großvater zur Flinte und erschoss den Fuchs. Eine der furchtbaren Wahrheiten, über die wir heute nicht mehr so gern reden. Das auf dieser archaischen Praxis basierende Volkslied ist der zarten deutschen Volksseele auch als textloses Glockenspiel nicht mehr zumutbar.

Heute stehen die Gänse zu Tausenden auf engstem Raum, sehen kein Tageslicht, werden gemästet und  – wenn sie für den französischen Markt produziert werden – auch qualvoll gestopft. Auf der Verpackung sehen wir dann eine glückliche Gans durch Gras watscheln. Die Wahrheit ist dem Konsumenten definitiv nicht zumutbar. Dichterin hin oder her.

 

Jenseits von Grün und Böse

„Meine Brüder, zur Nächstenliebe rathe ich euch nicht: ich rathe euch zur Fernsten-Liebe.

Also sprach Zarathustra.“

Wussten Sie, dass die Redewendung „Jenseits von Gut und Böse“ auf einen Text von Friedrich Nietzsche zurückgeht? Wenn ja, dann hatten Sie mir das bis vor kurzem voraus.  Nietzsche lag mir bisher fern. Vermutlich ist das schade, aber vielleicht wäre ich als junger Leser seiner Wortgewalt auf dem Leim gegangen, und so ist es vielleicht auch kein Schaden, dass ich ihn mir so lange aufgehoben habe.

Das Aufheben wiederum war keine bewusste Entscheidung. Es ergab sich eher. Ich habe in der DDR gelebt und studiert. Da war Nietzsche nicht direkt verboten, aber er stand in der öffentlichen Biblothek nicht ganz vorne. Vielleicht sogar im Giftschrank. So genau weiss ich das ehrlich gesagt gar nicht. Hätte ich mich bemüht, den Zarathustra in die Hände zu bekommen, wäre es gewiss irgendwie möglich gewesen. Gelehrt wurde er jedenfalls nicht und alles was irgendeiner meiner dummen Potsdamer Professoren mal fallengelassen hat, war eine Vermengung der Begriffe „Herrenmensch“ und „Übermensch“, die sich mit der Feststellung, Nietzsche wäre so was wie ein ideologischer Wegbereiter der Nazis gewesen, tief in meinem Gehirn festsetzte und dort den Mauerfall überdauerte.

Es war wohl so, dass Hermann Göring das mit dem Übermenschen auf sich bezog, aber die Führerclique war nun mal eine Bande von Parvenüs. Immerhin haben die Nazis, in dem sie Nietzsche vereinnahmten, einer kommunistischen Nutzung umfassend vorgebeugt. Dabei waren die SED-Funktionäre, die sich ewig selbst prüfen, kritisieren und aufopfern sollten, um das Unmögliche zu leisten, so was wie verhinderte Übermenschen. Sie konnten es nur nicht wissen.

Dass ich mir den Zarathustra überhaupt antat, ist dem Blog eines eher linken Philosophen zu verdanken, der Nietzsche – wie zeitgemäß – gegen Trump und Migrationskritiker in Stellung bringt. Und ich muss sagen, der Mann tut Nietzsche nicht Unrecht. Im Gegenteil, ich habe bei der Lektüre des Zarathustra viel an die Politiker*innen der Grünen denken müssen. Natürlich wäre nicht der ganze Zarathustra auf einem Grünenparteitag beschlussfähig. Nietzsches Ansichten zu Frauen, insbesondere der Satz mit der Peitsche wären diesen oder jenen Änderungsantrag wert, aber der Grundgestus, die Forderung über die Brücke vom Menschen zum Übermenschen zu gehen, die ständige Aufforderung ein Besserer zu werden, erinnern mich sehr an das Grüne, das ich wiederum sehr nahe beim Protestantischen verorte. Ich will nicht so weit gehen, die Evangelische Kirche als Vorfeldorganisation der Grünen zu bezeichnen, aber die personelle wie die inhaltliche Schnittmenge ist doch sehr groß.

Friedrich Nietzsche war zwar nur bedingt ein ein evangelischer Pfarrerssohn, denn sein Vater starb sehr früh, aber der er ist ohne den Protestantismus nicht zu denken. Auch wenn er Gott für tot erklärt und die Kirche harsch kritisiert.

Wir Katholiken werden zwar ständig an unsere Schuld erinnert, können die Vergebung aber fest einplanen. Auf diese Weise haben wir den Petersdom finanziert und bei unseren Prozessionen viel Erbauung. Der Protestant und die Protestantin haben es da nicht so leicht. Sie müssen sich wirklich bessern oder das zumindest ernsthaft versuchen, wenn sie Gnade vor Gott finden wollen. Der Übergang vom Protestanten zum Grünen findet dann statt, wenn die Besserung nicht nur von sich selbst, sondern vor allem von anderen verlangt wird. Nur ein Übermensch kann all die grünen Ernährungs-, Fortbewegungs- und Abfallverwertungsregeln Tag für Tag umsetzen, ohne seelisch Schaden zu nehmen. Da sind die Grünen schon dicht bei Zarathustra. Aber so richtig eins werden sie mit Nietzsche wenn sie – siehe Zitat oben- das Wohlergehen des Weltklimas, des chinesischen Starkünstlers, des arabischen Transvestiten und des brasilianischen Indios weit über jenes der Menschen in ihren Wahlkreisen stellen.

Das bleierne Christkind

 

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind.

Ich kenne Leute, die nehmen das als Drohung.

„Die Kinder freuen sich. Aber wir?Der Stress mit den Geschenken. Putzen, kochen, Besuch,“ sagen sie und daß sie froh sind, wenn es vorbei ist. In der Zeitung habe ich gelesen, dass der Handel in diesem Jahr Rekordumsätze erwartet. Besonders Schmuck aus Gold sei gefragt. Gold ist teuer.

Blei ist schwerer.

Dies ist die Geschichte meiner Großeltern und ihrer drei Kinder. Die Geschichte zweier Weih­nachten und des Jahres dazwischen.

Von diesen Großeltern habe ich eine Weihnachtskrippe geerbt, deren metallene Figuren bequem in eine große Streichholzschachtel, wie man sie gern zur Hand hat wenn viele Kerzen anzuzünden sind, passen. Die Figuren sehen aus wie Zinnfiguren, und sicher­lich sind sie auch von solchen abgegossen worden, aber sie sind schwerer und weicher.

Es beginnt am Ende des Jahres 1944 in Schlesien. Östlich der Neiße gelegen war es eine deutsche Landschaft wie Sachsen oder das Rheinland. Mit samt seiner Sprache und Kultur ist es verschwun­den. So was  kommt vor, im großen Lauf der Weltgeschichte.

Die Familie ist aus Breslau. Hier wurden die Eltern 1935 in der Kreuzkirche getraut und ihre drei Kin­der, alles Jungen, kamen in Breslau zur Welt. Der Mittlere Sohn wird vierzehn Jahre nach Kriegs­ende mein Vater werden.

Weihnachten vierundvierzig feierten sie schon nicht mehr in Breslau.

Die Stadt war schon zur Festung ernannt worden. Frauen und Kinder mussten raus. Der Russe nahte unaufhaltsam, Geschichten von Rache, Tod und Vergewaltigung eilten ihm voraus. Meine Großmut­ter war mit den Kindern bei ihrer Mutter in Leuthen, zwanzig Kilometer westlich von Breslau untergekommen.

Zu Weihnachten bekommt mein Großvater, fast seit Kriegsbeginn Soldat, zwei Tage Urlaub. Da hat er schon die erfrorenen Zehen, denn einundvierzig sollte seine Division nach Afrika verlegt werden, war entsprechend eingekleidet worden, kam dann aber nach Rußland , und der russi­sche Winter war früher da, als der Führer es sich hatte träu­men lassen. Die erfrorenen Zehen und der stark in Mitleidenschaft gezogene Fuß bringen meinen Großvater immerhin ins Lazarett und von da aus in die Etappe, während die anderen nach Stalin­grad weiterziehen. Kein Schaden ohne Nutzen sagt man.

Geschenke für die Kinder wird es Weihnachten vierundvierzig noch gegeben haben. Was für welche das waren, ist nicht überliefert. Die Eheleute verabreden, wie sie versu­chen werden, Kontakt zu halten, wenn Frau und Kinder in Leuthen weg müssen. Daß es so kom­men würde war sicher, denn schon ziehen die Flücht­lingstrecks von daher, wo einst der deut­sche Osten war, am Haus vorbei. Meine Groß­mutter sieht sie täglich und weiß: Bald wird sie mit den Kindern auch zu diesem Strom gehö­ren.

Genau einen Monat nach Weihnachten ist es so­weit. Am Anfang haben sie noch Glück. Ein Onkel besitzt eine Konservenfabrik weiter westlich und liefert noch immer in die Festung. Mit dem Lastwa­gen, der zur Fabrik zurück fährt, können sie mitfahren. Etwa achtzig Kilometer nach Westen, bis zur Liegnitzer Konservenfabrik.

Sie bleiben drei Tage, aber die Front ist ihnen ge­folgt. Weiter geht es zu Fuß. Die Mutter, der Achtjäh­rige, der Fünfjährige, von dem mein Opa mir wieder und wieder erzählen wird, daß er sein Kopfkissen auf der ganzen Flucht mitgeschleppt habe. Der Einjährige darf zwischen den Koffern im Leiterwagen sitzen, worum die beiden Großen ihn beneiden. Sein Kinderwagen fand keinen Platz auf dem Lastwagen der Konservenfabrik. Die flüch­tende Familie war weit verzweigt und es fuhr nur der eine Lastwagen. Eine wohlhabende Tante hatte drei Pelzmäntel und den Kasten Silber-besteck für unver­zichtbar erklärt.

Es ist Winter, ein kalter und schneereicher Winter.

Der Familienverband zerfällt im Treck schon nach zwei Tagen, denn für die Tante und für die Schwester sind sind die drei Jungen nur eine Belastung. Sie gehen ihnen auf die Nerven. Und sie verhehlen das nicht.

Meine Großmutter mag das nicht ertragen und geht mit ihren Söhnen allein weiter bis an die Neiße nach Görlitz.

Dort lebt ihre Jugendfreundin aus dem Kindergärtne­rinnenseminar, und ist die vorläufige Rettung. Mit ihrer Tochter zieht sie zu ihren El­tern, macht ihre Wohnung für die Freundin mit den drei Söhnen frei.

Das Glück ist zu groß um von Dauer zu sein. Die neue Zuflucht befindet sich östlich der Neiße, und die Front ist gefolgt.

Wieder geht es zu Fuß weiter. Manchmal auch mit der Bahn.

Noch in den sechziger Jahren gab es die Suchmeldun­gen des Roten Kreuzes. Als Kind hörte ich sie am großen Radio bei Oma und Opa: „Gesucht werden Maria und Franz sowieso von ihren Eltern. Die Kinder, damals drei und sechs Jahre alt wurden auf der Flucht am Bahnhof so­wieso von ihrer Mutter getrennt. Sie trugen…“ Dann erzählte Oma von den überfüllten Bahnstei­gen und Zügen. Von Panik und Gedränge. Jeder Zug konnte der letzte sein. Auch sie hatte Angst, ihre Kinder in diesem Tumult zu verlieren. So stieg sie immer erst mit den Kindern in den Zug und holte dann das Gepäck nach.

Einmal reichte die Zeit bis zur Abfahrt nur für zwei der drei Koffer.

So gelangt Großmutter, damals eine gut ausse­hende Frau Mitte Dreißig, mit drei Kindern und zwei Koffern bis in die sächsische Schweiz. In ei­nem Flüchtlingslager in Band Schandau kommen sie zur Ruhe. Inzwischen war die Front an Oder und Neiße stehen geblieben.

Die Tante mit den Pelzmänteln und dem Silberbe­steck kommt auch in Bad Schandau an. Sie kann eine bessere Unterkunft finanzieren und bietet mei­ner Großmutter an, mit den Kindern zu ihr ins Hotel zu kommen. Daß diese lieber im Flüchtlingsla­ger bleibt sagt viel, auch über meine Großmutter. In all den Jahren nach dem Kriege kommt dieses Verhältnis nicht mehr ins Lot. Zeit heilt nicht alle Wunden.

Mein Vater, der mir oft von der Flucht erzählen wird, sieht von Schandau aus den roten Schein des brennenden Dresden. Sogar die Druckwellen der Explosionen hätten sie gespürt, wird er später be­haupten.

Dann haben sie Glück. Im März erreicht sie eine Nachricht vom Vater. Mit seinen fast vierzig Jah­ren und dem kaputten Fuß hat er es in eine Schreib­stube im Sudetenland geschafft. Es gab schlechtere Karrieren bei der Wehrmacht. Großmutter fährt mit ihren drei Kindern zu ihrem Mann. Sie wohnen in einer Baracke, der Achtjährige kann sogar zur Schule gehen und der Kleine lernt lau­fen. Mein Großvater verwaltet so lange in seiner Schreibstube das Ende der Deutschen Wehrmacht mit.

Zu den wenigen Sachen, die meine Großmutter in den zwei Koffern gerettet hat, gehört ein ziviler Anzug ihres Ehemannes. Den hatte sie halt einge­packt. Und ihren Mann damit vor der russischen Kriegsgefangenschaft be­wahrt, ihm so vielleicht das Leben gerettet. Am 7. Mai 1945 wirft er seine Uniform weg und zieht den Anzug an, womit er formal desertiert. Aber das interessiert in Triebschitz, Sudetenland einen Tag vor der Kapitulation zum Glück niemanden mehr. Der Führer war ja auch schon von der Fahne gegan­gen. Auf seine Art.

Ab sofort ist Großvater ein freier Mann.

Aber sie müssen auch wieder fliehen. Mein Großva­ter hatte – Zivilklamotten hin oder her – wohl keine Lust, seine Schreibstube persönlich an die Sowjetarmee zu übergeben, und im Sudentenland nehmen die Tschechen jetzt Rache an den Deutschen. Krieg ist immer eine gute Gelegenheit für Rache. Besonders am Ende.

Erst gehen die fünf in Richtung Heimat. Das Familienoberhaupt mit dem Krückstock, für den Kleinen findet sich wieder ein Leiterwagen. Das erste Etappenziel ist Görlitz. Einmal wird aus einem Hinterhalt auf sie geschossen. Sie retten sich eine Bö­schung hinunter und überleben auch das.

Folgende Story wird mein Großvater zwanzig, drei­ßig Jahre später immer wieder erzählen: Auf dem Rußlandfeldzug wurden die Wehrmachts­konvois in den riesigen Wäldern oft von Partisanen attackiert. Dann mußten alle vom Lastwagen sprin­gen und sich flach auf den Boden werfen. Der Offi­zier rief dazu das Kommando „Volle Deckung“. Kam die flüchtende Familie nun an einem Feld vorbei, wo zum Beispiel Radieschen oder Salat wuch­sen, spielten sie „Volle Deckung!“ Der Großva­ter rief den Befehl und die beiden Großen warfen sich hin. Wenn sie aufstanden um weiter zu gehen, hatten etwas Essbares in der Hand.

Bald begegneten Ihnen die ersten Sowjetsoldaten. Berittene. Einer warf den Kindern Kekse und mei­nem Großvater Zigaretten zu. Oma erzählte die Episode später nie ohne den Zusatz, daß Großva­ters bedauernswerte Erscheinung der Anlass für die Barmherzigkeit der Russen gewesen sei. Gut jedenfalls, daß er Nichtraucher war, denn der Brot-Tauschwert von Zigaretten, selbst russischen, war enorm.

Als sie nach etlichen Tagen an der Neiße ankom­men, ist diese Grenzfluss, die Heimat für immer verloren. Einen anderen Bezugspunkt haben sie nicht. Aber irgendein Ziel brauchen sie. Es findet sich in Gohlitz, einem Dorf westlich von Berlin. Dort war der Großvater als Soldat mal bei einer Familie einquartiert. Sie hatten ihn, der bestimmt ein unterhaltsamer Gast war, mit dem Wunsch verab­schiedet, daß er doch mal zu Besuch kom­men solle, wenn der Krieg vorbei wäre. An so was hält man sich fest wenn die Welt untergeht. Also nach Norden. Vor ihnen liegen dreihundertfünfzig Kilometer Weg. Fußweg.

Vierzig Kilometer am Tag sind das Pensum. Wenn die beiden „Großen“ zu langsam sind, droht der Vater auch schon mal Ohrfeigen an.

Jeden Abend suchen sie einen neuen Schlafplatz. Meist werden sie in Scheunen fündig.

Mein Großvater wird später erzählen, daß Großmut­ter sich geniert habe, bei den Bauern um Essen zu betteln. Er hingegen nannte ein gewisses rhetorisches Talent sein eigen. Als junger Mann hatte er Schauspielunterricht genommen und spä­ter wird er es auf die Bühnen von Parchim und Potsdam, ja sogar zum Film schaffen.

Wenn er mit diesem Talent zwei Hände voll Kartoffeln ergattern kann, ist der Abend gerettet. So oft wir später am Küchentisch sitzen werden, wenn Oma Kartoffeln schält, wird Opa bemerken, daß er damals die Schalen aß.

Dann scheinen sie wieder Glück zu haben. Die Erntezeit beginnt, und Großvater kann sich für einige Tage bei einem Bauern verdingen. Bezah­lung in Lebensmitteln. Das Unglück will es, daß der Einjährige eine Kanne gerade abgekochter Milch vom Tisch herunter zieht. Er verbrüht sich die Brust schwer. Der gerufene Arzt gibt ihm keine Überlebenschance. Mein Großvater geht zwanzig Kilo­meter bis zur nächsten Apotheke. Als er am ande­ren Tag zurückkehrt, hat er außer den Medikamen­ten auch Nahrungsmittel dabei, die ihm mitleid­volle Menschen unterwegs gegeben haben.

Verbände mit Leinöl, die der Kleine nur dem Vater zu wechseln gestattet, lassen die Brandwunden end­lich heilen. Irgendwann ist er so weit genesen, daß sie mit ihm weiter ziehen können.

Überall wo sie hinkommen, sind schon Massen von Flüchtlingen. Am 21. Juli erreichen sie das zerstörte Potsdam und finden keinen Schlafplatz. Davon, daß Churchill, Truman und Stalin auch grad in Pots­dam waren, haben sie vielleicht nichts gemerkt. Jedenfalls werden sie es später nie erwähnen.

Berlin umgehend kamen sie am 23. Juli in Gohlitz an und die Familie die den einquartierten Soldaten vor Jahren mit der Allerweltsfloskel verabschiedet hatte, nahm sie wirklich auf. Die Tochter räumt ihr Zimmer und die schlesischen Flüchtlinge haben ein Obdach.

Meine Großmutter besinnt sich auf ihre Ausbil­dung und eröffnet im Dorf einen Kindergarten. Der Bürgermeister unterstützt sie dabei, stellt einen Raum zur Verfügung. Auf den Feldern wird jede Hand gebraucht, da ist eine Kinderbetreuung will­kommen. Die Kinder müssen etwas Essbares mitbrin­gen, wenn sie morgens abgegeben werden. Als es kälter wird auch jeder eine Kohle. Später erhält Großmutter eine Anstel­lung als Kindergärtnerin. Dabei kam ihr zugute, daß sie unterm Führer wegen ihres polnischen Va­ters, der sich siebenunddreißig vermutlich das Le­ben nahm, nur in einer kirchlichen Einrichtung arbeiten konnte.

Mein Großvater, der Versicherungskaufmann und fast Schauspieler, verdingt sich als Erntehelfer.

So geht der Herbst fünfundvierzig vorbei. Sie sind in der Fremde. Fast ohne jegliches Hab oder gar Gut.

Weihnachten steht vor der Tür, wie man so sagt.

Mein Großvater, malt eine Krippe auf ein Stück Pappe. Malen konnte er gut, später mit Vorliebe Breslauer Motive in Öl. Die Krippenfiguren gießt ihnen jemand aus Blei. Zinn war nicht zu kriegen, nach einem Krieg für den selbst Kirchenglocken eingeschmolzen worden waren.

Der Bauer, bei dem Großvater arbeitet, gibt ihm Äpfel und Pfefferkuchen. Je eine Tüte. Ein kleiner Baum findet sich im märkischen Wald. Es dürfte eine Kiefer gewesen sein. Baumschmuck basteln sie aus Zeitungspapier und sechs Bunkerlichter sind die Weihnachtskerzen. Es gibt sogar Lametta, denn die englischen Bomber hatten Alu-Streifen abgeworfen, um die deutsche Luftabwehr zu irritieren.

Das erste Weihnachten im Frieden. In einem Dachge­schoßzimmer in der Fremde. Sie waren hunderte Kilometer gelaufen. Sich hat­ten sie retten können, die Heimat war verloren. Alle Jahre wieder kommt das Christuskind. Manch­mal bringt es nur Äpfel und Pfefferkuchen.

Die bleierne Krippe gehörte, bis ich sie erbte, zu Omas und Opas Weihnachtsfesten wie die mir im­mer suspekte schlesische Weißwurst mit der Biertunke.

Obwohl meine Frau und mich auch der Grundsatz eint, die Kinder nicht zu verwöhnen, wird das Christkind wieder einiges an­schleppen. Warum auch nicht?

Aber auch das bleierne Christkind wird da sein.

 

wo es den bärentöter zu kaufen gibt

Liebe Freundinnen und Freunde meiner Schreibkunst,

hier liste ich ab sofort akribisch auf, wo es

cover-endversion

„Der Mann mit dem
Bärentöter“

zu kaufen gibt:

In Österreich:
Lienz: Buchhandlung Tyrolia
Villach: Kärntner Buchhandlung am 10. Oktober Platz
Klagenfurt: Buchhandlung Heyn
Kötschach-Mauthen: Buchhandlung Moser
Neu: Spittal/Drau: Morawa-Buchhandlung

in Deutschland:
Potsdam: Wist. Der Literaturladen

Berlin: Buchhandlung Herschel Anklamer Straße 38 (in der Weiberwirtschaft)

Bei Amazon gibt es das Buch als book on demand, aber die Qualität gefällt mir nicht wirklich. Deshalb versende ich das Buch ab sofort selbst.