Jenseits von Grün und Böse

„Meine Brüder, zur Nächstenliebe rathe ich euch nicht: ich rathe euch zur Fernsten-Liebe.

Also sprach Zarathustra.“

Wussten Sie, dass die Redewendung „Jenseits von Gut und Böse“ auf einen Text von Friedrich Nietzsche zurückgeht? Wenn ja, dann hatten Sie mir das bis vor kurzem voraus.  Nietzsche lag mir bisher fern. Vermutlich ist das schade, aber vielleicht wäre ich als junger Leser seiner Wortgewalt auf dem Leim gegangen, und so ist es vielleicht auch kein Schaden, dass ich ihn mir so lange aufgehoben habe.

Das Aufheben wiederum war keine bewusste Entscheidung. Es ergab sich eher. Ich habe in der DDR gelebt und studiert. Da war Nietzsche nicht direkt verboten, aber er stand in der öffentlichen Biblothek nicht ganz vorne. Vielleicht sogar im Giftschrank. So genau weiss ich das ehrlich gesagt gar nicht. Hätte ich mich bemüht, den Zarathustra in die Hände zu bekommen, wäre es gewiss irgendwie möglich gewesen. Gelehrt wurde er jedenfalls nicht und alles was irgendeiner meiner dummen Potsdamer Professoren mal fallengelassen hat, war eine Vermengung der Begriffe „Herrenmensch“ und „Übermensch“, die sich mit der Feststellung, Nietzsche wäre so was wie ein ideologischer Wegbereiter der Nazis gewesen, tief in meinem Gehirn festsetzte und dort den Mauerfall überdauerte.

Es war wohl so, dass Hermann Göring das mit dem Übermenschen auf sich bezog, aber die Führerclique war nun mal eine Bande von Parvenüs. Immerhin haben die Nazis, in dem sie Nietzsche vereinnahmten, einer kommunistischen Nutzung umfassend vorgebeugt. Dabei waren die SED-Funktionäre, die sich ewig selbst prüfen, kritisieren und aufopfern sollten, um das Unmögliche zu leisten, so was wie verhinderte Übermenschen. Sie konnten es nur nicht wissen.

Dass ich mir den Zarathustra überhaupt antat, ist dem Blog eines eher linken Philosophen zu verdanken, der Nietzsche – wie zeitgemäß – gegen Trump und Migrationskritiker in Stellung bringt. Und ich muss sagen, der Mann tut Nietzsche nicht Unrecht. Im Gegenteil, ich habe bei der Lektüre des Zarathustra viel an die Politiker*innen der Grünen denken müssen. Natürlich wäre nicht der ganze Zarathustra auf einem Grünenparteitag beschlussfähig. Nietzsches Ansichten zu Frauen, insbesondere der Satz mit der Peitsche wären diesen oder jenen Änderungsantrag wert, aber der Grundgestus, die Forderung über die Brücke vom Menschen zum Übermenschen zu gehen, die ständige Aufforderung ein Besserer zu werden, erinnern mich sehr an das Grüne, das ich wiederum sehr nahe beim Protestantischen verorte. Ich will nicht so weit gehen, die Evangelische Kirche als Vorfeldorganisation der Grünen zu bezeichnen, aber die personelle wie die inhaltliche Schnittmenge ist doch sehr groß.

Friedrich Nietzsche war zwar nur bedingt ein ein evangelischer Pfarrerssohn, denn sein Vater starb sehr früh, aber der er ist ohne den Protestantismus nicht zu denken. Auch wenn er Gott für tot erklärt und die Kirche harsch kritisiert.

Wir Katholiken werden zwar ständig an unsere Schuld erinnert, können die Vergebung aber fest einplanen. Auf diese Weise haben wir den Petersdom finanziert und bei unseren Prozessionen viel Erbauung. Der Protestant und die Protestantin haben es da nicht so leicht. Sie müssen sich wirklich bessern oder das zumindest ernsthaft versuchen, wenn sie Gnade vor Gott finden wollen. Der Übergang vom Protestanten zum Grünen findet dann statt, wenn die Besserung nicht nur von sich selbst, sondern vor allem von anderen verlangt wird. Nur ein Übermensch kann all die grünen Ernährungs-, Fortbewegungs- und Abfallverwertungsregeln Tag für Tag umsetzen, ohne seelisch Schaden zu nehmen. Da sind die Grünen schon dicht bei Zarathustra. Aber so richtig eins werden sie mit Nietzsche wenn sie – siehe Zitat oben- das Wohlergehen des Weltklimas, des chinesischen Starkünstlers, des arabischen Transvestiten und des brasilianischen Indios weit über jenes der Menschen in ihren Wahlkreisen stellen.

Author: andreasulbrich

Andreas Ulbrich, Jahrgang neunundfünfzig Lokomotivschlosser, Lehrer, Puppenspieler Berliner, mit Mitte Vierzig in ein Bergdorf gezogen. Zehn Jahre spatter beginnt er zu schreiben.

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