Die Wahrheit ist hässlich

Eines der beknackteren Kinderlieder fordert einen Fuchs unter Androhung der Exekution auf, eine gestohlene Gans zurück zu geben. Wer, um alles in der Welt, will einen eventuell tollwutverseuchten Vogelkadaver wirklich zurück haben, und wie soll der Fuchs die Aufforderung überhaupt verstehen?

Eine große Kärntner Dichterin behauptete einst, die Wahrheit sei dem Menschen zumutbar. Der deutsche Innenminister sah das nach einem gecancelten Länderspiel anders und gab damit offenbar einen neuen Trend vor.

Unsere Vorfahren hielten Gänse, damit sie an Feiertagen etwas ordentliches zu Essen hatten. Die Gänse liefen draußen herum. Das war einerseits artgerecht und sparte andererseits Futter. Natürlich kam diese oder jene Gans vorzeitig abhanden. Dann griff der Großvater zur Flinte und erschoss den Fuchs. Eine der furchtbaren Wahrheiten, über die wir heute nicht mehr so gern reden. Das auf dieser archaischen Praxis basierende Volkslied ist der zarten deutschen Volksseele auch als textloses Glockenspiel nicht mehr zumutbar.

Heute stehen die Gänse zu Tausenden auf engstem Raum, sehen kein Tageslicht, werden gemästet und  – wenn sie für den französischen Markt produziert werden – auch qualvoll gestopft. Auf der Verpackung sehen wir dann eine glückliche Gans durch Gras watscheln. Die Wahrheit ist dem Konsumenten definitiv nicht zumutbar. Dichterin hin oder her.

 

Author: andreasulbrich

Andreas Ulbrich, Jahrgang neunundfünfzig Lokomotivschlosser, Lehrer, Puppenspieler Berliner, mit Mitte Vierzig in ein Bergdorf gezogen. Zehn Jahre spatter beginnt er zu schreiben.

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