Dürüm über dem Inn

Ich habe es mir gerichtet, wie in Wien sagen würdenSelbstporträt mit Dürüm. Ich fahre durch die Alpen, spiele Kasperltheater oder präsentiere mich als Autor. Ich genieße die schönen Landschaften und esse nach getaner Arbeit Regionales.

Dieser Tage kam ich nach Schwaz. Eine Klasse Fünfzehnjähriger wollte wissen, wie man einen Krimi schreibt, und da kenne ich mich ja inzwischen aus. Am Abend vorher lese ich Internet, dass in einer interkulturell engagierten UNESCO-Projektschule im Westen Deutschlands rituelle Waschungen auf dem Klo und  provozierendes Beten verboten wurden. „Zu spät“ denke ich mir. Fortschritt á la Kraft durch Dummheit halten weder Ochs noch Esel auf. Aber mich berührt das nicht. Die Alpen sind ein Inbegriff der Rückständigkeit. Hier ist Interkulturalität á la Merkel und Kraft kein Thema.

Das österreichische Bildungssystem gibt den Jungen Menschen nach acht Pflichtschuljahren die Möglichkeit, zwischen einer Reihe berufsorientierter höherer Schulen und dem Gymnasium zu wählen. Das ist ist für die Schüler(innen) angenehm und für die Gesellschaft effizient. Jugendarbeitslosigkeit und -kriminalität sind zumindest im Westen Österreichs kein Thema. Und hätte nicht eine Ministerin, die weder Kinder noch Lehrerfahrung hatte, am System der Pflichtschulen herumgespielt, wäre das österreichische Bildungssystem ein gänzlich wunderbares.

Als ich morgens das Foyer der Schwazer Handelsakademie betrete, bin ich dann einigermaßen überrascht. Die Schülerschaft ist gut gemischt. Männlich und weiblich germanisch und südlich etwa zur jeweiligen Hälfte vertreten. Aber, das fällt dem gewesenen Berliner sofort auf, die Atmosphäre ist locker, entspannt, frei von jeglicher Aggressivität. Ich sehe einige bunte Kopftücher über lachenden Mädchengesichtern. Die Deutschlehrerin holt mich im Foyer ab, bereitet mir im Lehrerzimmer einen Kaffee, und obwohl ich spät dran bin, hat sie es nicht eilig, mit mir in die Klasse zu gehen. Kurz aber gelassen besprechen wir die kommenden zwei Unterrichtsstunden und erscheinen drei oder fünf Minuten nach dem Klingeln im Unterrichtsraum. Dort haben sie in Ruhe auf uns gewartet. Zu meiner Überraschung erheben sich die Schülerinnen und Schüler zur Begrüßung. Gelassen aber nicht gleichgültig. Man erhebt sich eben, wenn die Lehrerin die Klasse betritt und der Unterricht beginnt. Zu Hause werde ich meinen Sohn, der am östlichen Ende Tirols das Gymnasium besucht, fragen, ob das an seiner Schule auch so Usus ist, und sein „natürlich“ wird klingen, als hätte ich gefragt, ob er heute schon ein Pokemon gefangen hat. Vor vielen Jahren hatte mich eine Randberliner Lehrerin, die mir aus der Zeit meiner eigenen Lehrerausbildung als resolut und engagiert in Erinnerung war, zu einem vergleichbaren Workshop eingeladen. Als wir damals die Klasse betraten, sah kein einziger Schüler von seinem Handy auf und der Rest der Veranstaltung verlief entsprechend. Anders in Schwaz. Man sieht nun mal, an Haaren, Augen oder Teint, wenn die Vorfahren von Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt stammen. Aber daraus Rückschlüsse auf Sprachbeherrschung, Kenntnisse oder Interesse am Unterricht zu ziehen, wäre hier absurd. Ein angenehmer Vormittag vergeht mit Sokrates und Sherlock Holmes wie im Fluge.

Bevor ich nach Hause fahre, will ich noch die Stadt genießen. Die größte gotische Hallenkirche Tirols. Zweischiffig. Im Hof zwei Kreuzgänge. Die alte Silberstadt ist einen Besuch wert. Die schöne Altstadt wehrt sich verzweifelt gegen das nahe Einkaufszentrum.  Ich esse wie gesagt gern regional und so steht mir in Schwaz der Sinn nach Döner. Am Ende der Altstadt findet sich ein passendes Geschäft. Während der Inhaber den sehr guten Dürüm bereitet, kommt eine junge Frau in den Laden. Geschminkt, die eigentlich schwarzen Haare ins bronzene getönt. Kein Kopftuch. Vielleicht die Schwester, die Freundin, die Ehefrau. Wer weiß. Sie macht sich einen Kaffee und spricht auf türkisch mit dem Mann. Ich lasse einpacken. Der Mann fragt mich, ob ich einen Plastebeutel  brauche. Diese Dinger werden in Österreich Sackl genannt. Die Tiroler sprechen das ck dabei mit einem ch hinten dran. Und so sagt der Mann, der eben noch mit der Frau türkisch sprach: „Brauchscht a Sackchl?“ Das hat er wohl kaum im Integrationskurs gelernt.

So kann Integration gelingen, sagen sie im deutschen Fernsehen, wenn Mesut Özil ein Tor geschossen hat, oder wenn evangelische Kirchenvereinsfrauen Kopftücher für Migrantinnen nähen. Integration ist ein furchtbares Wort. Wann ist der Mann im Dönerladen integriert? Wenn er mit seiner Frau deutsch redet? Wenn diese zu Hause Kartoffelsuppe kocht? Gleich nach „Integration“ kommt für mich das Unwort „Migrationshintergrund“. Menschen mit Migrationshintergrund gibt es in Wien und Berlin. In der Handelsakademie von Schwaz haben manche Schüler schwarze und manche blonde Haare. Manche reden zu Hause mit ihren Eltern türkisch, manche deutsch. In Berlin stehen sie in der Schule natürlich nicht auf, wenn der Lehrer in die Klasse kommt. Das wäre ja faschistisch. In der Weltstadt Wien haben sie im vorigen Frühsommer wochenlang gegen die schweren Aufgaben vom Mathe-Abitur demonstriert. Im rückständigen Schwaz haben sie vormittags die Aufgaben gelöst und sind nachmittags ins Schwimmbad gegangen. In Berlin ist das mit dem Schwimmbad inzwischen so eine Sache.

Sankt Nepomuk der Brückenheilige schaut mir über die Schulter, als ich vom Fön umweht meinen Dürüm genieße. Über dem Inn.

Author: andreasulbrich

Andreas Ulbrich, Jahrgang neunundfünfzig Lokomotivschlosser, Lehrer, Puppenspieler Berliner, mit Mitte Vierzig in ein Bergdorf gezogen. Zehn Jahre spatter beginnt er zu schreiben.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *